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12
November 2020

Meinungsbeitrag: Digitales Nomadentum

Exkurs: Menschen, die ortsunabhängig und digital arbeiten

In einer unser aktuellen Studien steht das Arbeiten im Home-Office im Fokus. Eine interessante Variante des mobilen Arbeitens, auf die an dieser Stelle kurz eingegangen werden soll, ist das Digitale Nomadentum. 

Mit Digitalen Nomaden sind Menschen gemeint, die ihrem beruflichen Alltag, ihrem Studium oder ihren Freizeitbeschäftigungen dank Internettechnologien und Mobilfunknetz komplett ortsunabhängig nachgehen (Makimoto & Manners, 1997). Viele dieser Personen reisen um die Welt oder wählen beliebte Urlaubsregionen als vorübergehende Aufenthaltsorte. 

Selbstbestimmtheit, Flexibilität und Freiheit

Dieser Lebensstil erfreut sich vor allem unter Personen, die in der digitalen Welt aufgewachsen sind (Digital Natives), immer größerer Beliebtheit (Sabrowske, 2019). Gründe dafür sind das zunehmende Streben nach Selbstbestimmung, Flexibilität und Freiheit – gerade bei dieser Personengruppe. Dies wiederum geht Hand in Hand mit der von Reiter (2010) formulierten Annahme, dass Sinnsuche, Selbstverwirklichung und Lebensqualität als treibende Faktoren der Gesellschaft begriffen werden können.

Die wissenschaftliche Beschreibung des Digitalen Nomadentums ist jedoch alles andere als einfach. Dies liegt zum einen daran, dass die Kulturpraktiken von Digitalen Nomaden die Erarbeitung ihrer theoretischen Grundlagen zeitlich schnell überholen (Kuzheleva-Sagan, 2015). Ein anderer Grund ist, dass es keinen offiziellen Status für diese Personen gibt. Staatliche Systeme sind auf ein solches Lebenskonzept noch nicht wirklich ausgerichtet, was die Erfassung des Digitalen Nomadentums schwierig gestaltet. 

Fehlendes Gefühl von Heimat und bürokratische Hürden

Aus den Ergebnissen der wenigen Studien, die es zu diesem Thema gibt, lassen sich die bereits erwähnten Aspekte Selbstbestimmtheit und Flexibilität als größte Treiber und Vorteile herausziehen. Anders formuliert: Digitale Nomaden können ihr Leben konsequent an ihren Werten ausrichten, was wiederum zu einer hohen Lebensqualität führen kann. Dieser Lebensstil bringt jedoch auch einige Nachteile mit sich. Dazu zählt u. a. das fehlende Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit (Sabrowske, 2019). Auch bürokratische Hürden an immer wechselnden Aufenthaltsorten können eine Belastung darstellen.

In jedem Fall lässt sich festhalten, dass Politik und Arbeitswelt gefordert sind, dem zunehmenden Wunsch vieler Erwerbstätiger nach mehr Freiheit und Flexibilität Rechnung zu tragen. Ein gesetzlicher Anspruch auf das Arbeiten im Home-Office für Arbeitnehmer wäre ein erster Schritt, wenngleich selbst dann noch viele arbeitsrechtliche Fragen in Bezug auf das Digitale Nomadentum offenblieben.

Estland macht es vor

Andere Länder sind da bereits weiter – zumindest was das Anlocken von Digitalen Nomaden angeht. Zwar gibt es in Deutschland das Freiberufler-Visum für Ausländer, die Anforderungen sind im Vergleich zu anderen Ländern jedoch recht hoch. So vergeben Überseegebiete wie Barbados oder Bermuda recht schnell und einfach Visa an Digitale Nomaden, was natürlich vor allem wirtschaftliche Gründe hat. Doch auch innerhalb der EU tut sich etwas. Estland bietet seit dem 01. August 2020 das erste spezielle Visum für Digitale Nomaden an („digital nomad visa“). Damit dürfen auch Nicht-EU-Bürger ein Jahr lang in Estland arbeiten und leben. Dadurch erlangen diese Personen wiederum einen offiziellen Status, was bürokratische Vorteile hat, aber auch der Wissenschaft auf Dauer eine bessere Datenlage beschert. 

Was Arbeitgeber tun können

Doch was bedeutet das Digitale Nomadentum konkret für die Arbeitgeber in Deutschland? Zunächst einmal sollten Arbeitgeber hier nichts überstürzen und erst einmal das Arbeiten im Home-Office proaktiv fördern und Erfahrungen sammeln. Zudem bieten sich Mitarbeiterbefragungen an, um den Bedarf an flexiblen Arbeitsmodellen – auch am Digitalen Nomadentum – verlässlich zu ermitteln. Auf Basis einer solchen Bedarfsabfrage könnten danach einzelne Pilotprojekte gestartet werden für Zielgruppen innerhalb der Belegschaft, die weitestgehend ortsunabhängig arbeiten können (z. B. Programmierer). Vereinbarungen oder Codices könnten in diesem Kontext entwickelt werden. Evaluationen solcher Pilotprojekte wären entscheidend.

Am Ende könnte es auch zu Zwischenlösungen kommen, wie es bereits vereinzelte kleinere Unternehmen machen. Diese mieten z. B. in den kalten Wintermonaten Ferienhäuser in wärmeren Regionen, sorgen dort für die arbeitschutzrechtlich notwendigen Rahmenbedingungen und ermöglichen es einzelnen Projektteams, dort gemeinsam für eine bestimmte Zeit zu arbeiten. Ein guter Mix aus Freiheit, Zugehörigkeit und Verbindlichkeit.

Tags: Alltag, Arbeitsplatz, Arbeitsplatznähe, Digitalisierung, Home-Office, Karriere, Motivation, Personal, Selbstführung