Die Welt der Faszien

Der Begriff „Faszie“ ist schlichtweg ein Synonym für das Bindegewebe des menschlichen Körpers. Dieses hat in der Bewegungs- und Trainingslehre jahrelang keine Beachtung erhalten – das jedoch völlig zu Unrecht! Im Folgenden erfahrt Ihr, was Faszien eigentlich sind, welche Aufgaben sie haben und wie sie trainiert und gesund gehalten werden können. 

Was sind Faszien überhaupt?

Faszien sind bindegewebsartige Strukturen, die unseren Körper stützen und „in Form halten“. Tatsächlich umspannt ein Netz aus Faszien all unsere Muskeln, Organe, Knochen und Nerven. Zu sehen bekommen wir dieses Fasziennetz bei der Zubereitung von Fleischspeisen. Es handelt sich dabei um die dünne, weiße Faserstruktur, die das zum Verzehr genutzte Muskelfleisch durchzieht. Diese auch bei Tieren existierenden Faszien durchziehen unseren Körper in unterschiedlichen Schichten und haben demnach verschiedene Funktionen. Das Bindegewebe unter unserer Oberhautschicht fungiert als „Puffer“ und „kommuniziert“ Schmerzen oder Beschwerden, beispielsweise im Fuß. Das tiefe Fasziengewebe umschließt unsere Muskeln, Knochen, Gelenke, Sehnen, Bänder und Kapseln. Diese Faszienschicht ist mit zahlreichen Nervenendigungen bestückt, die Informationen zu Schmerz oder Lage ans Gehirn weitervermitteln. Die dritte und letzte Struktur sind die viszeralen Faszien, die an der Befestigung der inneren Organe mitwirken.

Faszienbestandteile

Stark heruntergebrochen bestehen alle Faszien aus Proteinen und Wasser, jedoch variiert die Zusammensetzung und somit die Straffheit oder der Wassergehalt der Faszien. Die Zusammensetzung ist abhängig von Funktion und Körperstelle. Allgemein gibt es vier Hauptbausteine: Kollagene – extrem reißfeste Strukturproteine – gelten als die wichtigsten Faszien-Strukturbestandteile. Das Strukturprotein Elastin macht, wie der Name schon verrät, die elastischen Strukturen der Faszie aus. Die Bindegewebszellen, als dritter Baustein, produzieren Faszienfasern in der benötigten Menge. Wird ein Muskel stärker trainiert, so steigt dort auch die Produktion der Faszienfasern an. Letzter Baustein ist die Matrix, also die Flüssigkeit, die die Fasern und Bindegewebszellen umgibt und je nach Bindegewebstyp unterschiedliche Stoffe enthält. 

Die verschiedenen Faszientypen lassen sich aufgrund der Lage und Struktur differenzieren. Dennoch gibt es vier Grundfunktionen, die jeweils entweder zusammen auftreten, sich ergänzen oder gegenseitig bedingen. Zum einen formen die Faszien, das heißt sie geben den köpereigenen Bestandteilen nicht nur eine Struktur, diese werden dadurch außerdem gepolstert und geschützt. Zum anderen unterstützen Faszien bei der Bewegung, indem sie Kraft übertragen, dehnen und Spannung halten. Darüber hinaus ist die Versorgung eine weitere Funktion, damit gemeint ist der Flüssigkeitstransport und Stoffwechsel. Letzte Grundfunktion ist das Kommunizieren. Durch die zahlreichen Nervenenden auf den Faszien werden Reize und Informationen empfangen und weitergeleitet. 

Ihre Nährstoffversorgung erhalten Faszien hauptsächlich über das Lymphsystem. Dies ist auch die Ursache für das Phänomen der „verklebten Faszien“.

„Verklebte Faszien“

So etwas wie verklebte Faszien gibt es tatsächlich. Diese Verklebungen in den Muskelfaszien entstehen entweder durch mangelnde Bewegung oder aber durch sich ständig wiederholende, gleichförmige Bewegungen bzw. Muskelbeanspruchungen. Verursacht wird solch eine Verklebung durch die ausbleibende Lymphflüssigkeit, die den Faszien als Nährstoff und Abtransportmittel für Stoffwechselprodukte dient. Da die Lymphflüssigkeit keinen eigenen Transportmechanismus im Körper hat, sondern durch Muskelanspannung beeinflusst wird, kann es bei zu wenig Bewegung quasi zu einem Flüssigkeitsstau kommen. Hierdurch wird das Fasziengewebe nicht mehr optimal mit Nährstoffen versorgt und die Stoffwechselprodukte werden nicht mehr entsorgt. Der Stoff der die Verklebung verursacht, nennt sich Fibrin. Wird dieser nicht durch das Lymphsystem abtransportiert, kommt es zu den genannten Verklebungen im Fasziengewebe.

Solche Verklebungen ziehen zudem einige Folgen mit sich. Da die Faszien an vielen Stellen wichtig für die Reizweiterleitung sind, kann durch verklebte Faszien die Funktionsfähigkeit der Muskulatur eingeschränkt, die Produktion von Entzündungsstoffen gefördert und eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit begünstigt werden. All diese Beschwerden können unter anderem auch zur Chronifizierung von Schmerzen beitragen.

Faszien und Schmerz

Neben der Verklebung von Fasziensträngen ist zudem zu beachten, dass Faszien sogar mehr Nervenenden und Sensoren besitzen als die Muskeln an sich. Da viele dieser Sensoren auf Schmerzempfinden reagieren, ist in der Sportwissenschaft seit einigen Jahren klar, dass „Muskelkater“ in erster Linie in den Faszien entsteht. Ursache für den Schmerz sind kleine Verletzungen und, wie oben genannt, Ödeme in den Faszien. In wissenschaftlichen Studien wurde darauf aufbauend herausgefunden, dass Menschen mit „fitten Faszien“ weniger anfällig für Muskelkater sind und weniger schmerzbedingte Trainingspausen benötigen. Durch diese Studien konnte die Wirksamkeit des Faszientrainings bewiesen werden. 

Faszientraining nach Dr. Robert Schleip

Das Faszientraining von Dr. Robert Schleip, einem Experten in der Faszienforschung, orientiert sich an den vier Prinzipien Dehnen, Federn, Spüren und Beleben. Mithilfe dieser vier Bereiche sollen alle verschiedenen Bindegewebstypen angesprochen werden.

Dehnungsübungen – beispielsweise aus dem Yoga – verbessern die Geschmeidigkeit der Faszien. Lockerungsübungen, die oft u. a. vor dem Joggen zum warm machen genutzt werden, wirken sich auf die elastische Speicherfähigkeit der Faszien aus, dadurch werden diese beweglicher. Durch dynamische Federbewegungen wird beim Grundprinzip Federn auf den Katapult-Effekt gesetzt. Durch plötzliche Entladung von angesammelter Spannungsenergie wird kinetische Energie erzeugt und der Körper bewegt sich. Dadurch werden die Faszien bewegt und auch gedehnt.

Durch die Selbstmassage mithilfe von Massagerollen wird das Bindegewebe belebt. Der Druck der Faszienrolle reget den Flüssigkeitsaustausch innerhalb der Faszien an. Durch das mechanische Rollen wird die Flüssigkeit aus den Faszien ausgedrückt und neue, unverbrauchte Lymphflüssigkeit kann einströmen. Solche Selbstmassagen stimulieren das Bindegebe. Zudem kann durch den Flüssigkeitsaustausch und die bessere Versorgung der Faszien bereits bestehender Muskelkater gelindert werden. 

Der letzte Teil des Faszientrainings nach Dr. Robert Schleip befasst sich mit dem Spüren von Bewegungen. Diese Übungen ähneln der Meditation. Tief konzentriert werden sehr kleine Bewegungen und Änderungen der Körperlage im Raum ausgeführt. Im gleichen Zug wird diesen Bewegungen nachgespürt. Auf diese Weise soll die Kommunikation zwischen den Faszien und dem Gehirn verbessert und die Körperwahrnehmung gestärkt werden. 

Wichtig zum Schluss: Faszientraining ist kein Leistungssport! Es reicht aus, wenn das Training ein- bis zweimal wöchentlich in die üblichen Sporteinheiten integriert wird, denn werden Faszien stimuliert, so sind diese rund 72 Stunden aktiv. Die Faszienforschung ist noch ein relativ junges Feld und es bestehen noch einige Felder, in denen uns spannende Forschungsergebnisse der Sportwissenschaft erwarten. Dennoch kann zum aktuellen Zeitpunkt bereits gesagt werden, dass Dehnungs- und Lockerungsübungen sowie Meditationseinheiten und (Selbst-)Massagen in jedem Trainingsplan gut aufgehoben sind und mit Einbau in den Alltag unser Körpergefühl verbessern können.

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