Was der Begriff „Life-Domain-Balance" bedeutet

Dr. Sai-Lila Rees

Expert
Team Analysen
Team Maßnahmen

Die Inhalte dieses Beitrags stammen aus einem Literatur-Review des IFBG, das im aktuellen „Corona-Dossier“ in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse veröffentlicht worden ist. Hier können Sie das gesamte Dossier herunterladen.

Die Arbeitsort-, Arbeitsaufgaben- und Arbeitszeitgestaltung im Homeoffice ebenso wie die Arbeitskultur tangieren allesamt die Life-Domain-Balance. Hierbei steht besonders die räumliche und zeitliche Entgrenzung im Mittelpunkt, die sowohl Gestaltungsräume im Sinne von Ressourcen als auch Herausforderungen im Sinne von Stressoren für Beschäftigte im Homeoffice mit sich bringen kann.

Bezüglich der Ressourcen im Bereich der Life-Domain-Balance lässt sich in zahlreichen Studien eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch das Arbeiten im Homeoffice identifizieren (Backhaus et al., 2020; Bitkom, 2013; BMAS, 2015; BMFSFJ, 2015; Dahlke et al., 2018; DAK, 2020; DBEI, 2019; Degenhardt et al., 2014; Grant et al., 2013; Grunau et al., 2019; Gschwind & Vargas, 2019; Hammermann & Stettes, 2017; Herrmann & Frey Cordes, 2020; ILO & Eurofound, 2017; Kunze & Zimmermann, 2020). Häufig wird als Grund für die bessere Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben die zeitliche Flexibilität im Homeoffice sowie die gewonnene Zeit durch den Wegfall des Arbeitsweges angeführt (BMAS, 2015; Bitkom, 2013; Eurofound, 2020b; ILO & Eurofound, 2017). In Bezug auf die zeitliche Flexibilität wird in Umfrageergebnissen von ILO und Eurofound (2017) deutlich, dass Telearbeitende mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Zeit während des normalen Arbeitstages freinehmen, um familiären oder sonstigen persönlichen Angelegenheiten und Verpflichtungen nachzugehen (vergleiche auch DAK, 2020; Grant et al., 2013; Waltersbacher et al., 2019).

„Homeoffice kann die Life-Domain-Balance somit positiv beeinflussen, indem es die Autonomie vergrößert, die eigene Arbeitszeit nach den eigenen Bedürfnissen und Präferenzen zu organisieren.“

Arbeitszeitersparnis durch Teleheimarbeit

Im Hinblick auf die Fahrzeitersparnis zeigt die Studienlage, dass die eingesparte Zeit vor allem für Freizeitaktivitäten (Grant et al., 2013; Reuschke, 2019), für sich selbst (Maruyama & Tietze, 2012) oder für die Familie (BMFSFJ,2015; Maruyama & Tietze, 2012) genutzt wird. Homeoffice kann die Life Domain Balance somit positiv beeinflussen, indem es die Autonomie vergrößert, die eigene Arbeitszeit nach den eigenen Bedürfnissen und Präferenzen zu organisieren (Eurofound, 2020b). Die gewonnene Zeitsouveränität und die Fahrzeitersparnis sind demnach nicht nur Ressourcen im Hinblick auf die Arbeitszeitgestaltung im Homeoffice, sondern spielen auch für die Life Domain Balance im Sinne der Vereinbarkeit von Beruf und Familie beziehungsweise Freizeit eine bedeutende Rolle. Bereits vor der Corona-Pandemie stellte in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie häufig die Kinderbetreuung ein wichtiges Motiv für Arbeiten im Homeoffice dar, um beispielsweise auf die besonderen Bedürfnisse der Kinder eingehen oder kranke Kinder pflegen zu können (Backhaus et al., 2020; BMFSFJ, 2015; Dahlke et al., 2018;Hammermann & Stettes, 2017; Herrmann & Frey Cordes, 2020). In der Studie von Maruyama und Tietze (2012) zeigt sich, dass vor allem weibliche Telearbeitende mit Kindern angeben, durch Teleheimarbeit besser Arbeits- und Betreuungsverantwortlichkeiten nachkommen zu können.

Darüber hinaus gibt in der Studie von Calmbach et al. (2014) jeweils der Großteil der Eltern (N = 1.503), die eine Möglichkeit zum Arbeiten im Homeoffice haben, an, in den letzten vier Wochen selten oder nie körperliche Schwierigkeiten oder seelische Probleme gehabt zu haben. Zudem bewerten sie ihren subjektiven Gesundheitszustand häufiger als gut. Ergänzend dazu wird in dieser Studie deutlich, dass eine ausreichend vorhandene Kinderbetreuung durch den Partner, die Familie oder durch Betreuungsinstitutionen positive Auswirkungen auf die Elterngesundheit hat. Damit konform gehen die oben dargestellten empirischen Ergebnisse, die ebenfalls belegen, dass sich die Öffnung der Kindertageseinrichtungen positiv auf die Gesundheit, besonders der Mütter im Homeoffice, auswirkt.

Trennung der Bereiche: Eine Herausforderung

Stellt die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch das Arbeiten im Homeoffice einerseits eine Ressource für die Life Domain Balance dar, so kann die (fehlende) Trennung beider Bereiche im Homeoffice andererseits zur Herausforderung werden (Arntz, Yahmed, & Berlingieri, 2019; BMAS, 2015, 2019; Bitkom, 2013; DBEI, 2019; DAK, 2020; Eurofound, 2020b; FIT, 2020; Grant et al., 2013; Grunau et al., 2019; ILO & Eurofound, 2017; Waltersbacher et al., 2019; Weinert et al., 2014; Weinert et al., 2015). Wie bereits erwähnt, können hier sowohl „Arbeit – Privatleben“-Konflikte als auch „Privatleben – Arbeit“-Konflikte stressinduzierend wirken (vergleiche Kapitel 2). Die oben dargestellten Ergebnisse verweisen darauf, dass sich während der Corona-Pandemie besonders Letztere bei den befragten Beschäftigten im Homeoffice verstärken. Dabei scheinen Beschäftigte, die vollumfänglich im Homeoffice arbeiten, stärker betroffen zu sein als Beschäftigte, die trotz der Corona-Pandemie nicht oder nur teilweise im Homeoffice arbeiten mussten. In diesem Zusammenhang wird in dem Literatur-Review von Hermann und Frey Cordes (2020) zudem deutlich, dass es vielen Beschäftigten im Homeoffice schwerfällt, Beruf und Familie sowohl räumlich (zum Beispiel durch einen abgegrenzten Wohn- und Arbeitsbereich) als auch zeitlich (zum Beispiel durch feste Arbeitszeiten sowie feste Zeiten für Freizeit und Familie) voneinander abzugrenzen. Diese Erkenntnis wird durch Ergebnisse der qualitativen Interviews von Dahlke et al. (2018) unterstützt. Hier ist zu beobachten, dass die Herausforderung vor allem darin liegt, den Kindern und (Ehe-)Partnern zu vermitteln, dass, obwohl sich die Person während der Arbeitszeit zu Hause befindet, sie nicht für außerberufliche Tätigkeiten zur Verfügung steht.

Viele der interviewten Beschäftigten beschreiben, dass ihre Kinder und Partner sie des Öfteren von der Arbeit ablenken beziehungsweise sie unterbrechen, wodurch die Betroffenen häufig noch die Abendstunden nutzen, um das angestrebte Arbeitspensum zu erreichen. Im Hinblick auf Unterbrechungen der Arbeit zu Hause durch private Angelegenheiten geben in der Studie von Waltersbacher et al. (2019) 11,6 Prozent der Telearbeitenden (N = 332) an, in den letzten vier Wochen sehr häufig Unterbrechungen durch Belange des Privatlebens erlebt zu haben. Dass Arbeitsaufgaben aufgrund familiärer Verpflichtungen oder Angelegenheiten vernachlässigt werden, ist keineswegs ein deutsches Phänomen, sondern zeigt sich auch in anderen europäischen Ländern wie Finnland, Schweden, den Niederlanden und Großbritannien (Eurofound, 2020a). Die privaten Unterbrechungen der Arbeitszeit durch beispielsweise familiäre Aufgaben erhöhen damit das Risiko, dass Pausen- und Arbeitszeitregelungen nicht eingehalten werden, wodurch nicht zuletzt ein selbstgefährdendes Verhalten gefördert wird. Auch der Literatur-Review von Tavares (2017) kommt zu dem Schluss, dass das Verschwimmen der Grenzen von Arbeitszeit und privater Zeit die Ruhezeiten untergraben kann und aufgrund von mehr Familienverantwortlichkeiten und Familienkonflikten in einem höheren Stressempfinden resultiert. Grunau et al. (2019) belegen daran anknüpfend, dass die Entgrenzung von Arbeit und Privatleben besonders von Beschäftigten wahrgenommen wird, die auch außerhalb der regulären Arbeitszeit zu Hause arbeiten (50 Prozent), als von Beschäftigten, die nur während der Arbeitszeit zu Hause tätig sind (40 Prozent) (N = 1.044 beziehungsweise 1.085).

In Bezug auf Konflikte zwischen dem Arbeits- und Privatleben als Stressor der Arbeit im Homeoffice zeichnet sich in der Literatur jedoch kein einheitliches Bild ab. Wie bereits dargestellt, gibt es einige empirische Hinweise dafür, dass das Arbeiten zu Hause zu Überlagerungen und damit einhergehenden Konflikten zwischen dem Arbeits- und Privatleben führen kann, die in engem Zusammenhang mit emotionaler Erschöpfung stehen können (Kunze & Zimmermann, 2020; Weinert et al., 2014; Weinert et al., 2015). Ebenso liegen aber auch Studien vor, die belegen, dass das ortsflexible Arbeiten zur Reduktion von Konflikten zwischen beiden Bereichen beiträgt (vergleiche Kraus et al., 2020; Tavares, 2017). Hinzu kommen Studien, die überhaupt keinen signifikanten Unterschied zwischen Telearbeitenden und Beschäftigten im Büro hinsichtlich Konflikten zwischen dem Arbeits- und Privatleben beziehungsweise keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Telearbeitsumfang und solchen Konflikten beobachten (Beauregard et al., 2013; Vander Elst et al., 2017).

„Die Möglichkeit zur Telearbeit wirkt sich vor allem für Frauen positiv aus.“

Geschlechterunterschiede zeigen sich auf

Auch im Hinblick auf Geschlechterunterschiede hinsichtlich der Wahrnehmung von Konflikten zwischen Arbeits- und Privat- beziehungsweise Familienleben gibt es gegensätzliche empirische Erkenntnisse. In der Studie von Eek und Axmon (2013) stellt sich beispielsweise heraus, dass sich der Konflikt zwischen beruflichen und familiären Anforderungen durch die Telearbeit besonders bei Männern signifikant zeigt und sich die Möglichkeit zur Telearbeit vor allem für Frauen positiv auswirkt. Ähnliches stellen auch Maruyama und Tietze (2012) fest, da in ihrer Studie männliche Telearbeitende mit betreuungspflichtigen Kindern häufiger Familienkonflikte durch die Telearbeit angeben als Frauen. In der Studie von van der Lippe und Lippényi (2018) hingegen ist zu beobachten, dass Frauen im Vergleich zu Männern durch das Arbeiten im Homeoffice von einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Konflikte zwischen Arbeits- und Privatleben betroffen sind. Ein Grund hierfür kann in der unterschiedlichen Operationalisierung liegen. So werden in den Studien unterschiedliche Instrumente bezüglich Work-Privacy-Konflikten und Work-to-Family-Konflikten beziehungsweise Family-to-Work-Konflikten herangezogen.

Erreichbarkeit als Stressor

Als weiterer Stressor in Bezug auf die Life Domain Balance im Kontext von Homeoffice lässt sich die Erreichbarkeit beziehungsweise arbeitsbezogene Kontaktierung außerhalb der Arbeitszeit identifizieren. So ist in der Studie des BMAS (2013) zu beobachten: Je regelmäßiger eine Person von Freizeitunterbrechungen betroffen ist, desto wahrscheinlicher sind Konflikte zwischen familiären beziehungsweise privaten und beruflichen Anforderungen im Homeoffice. Ergebnisse der Studie von Waltersbacher et al. (2019) belegen, dass im Vergleich zu Mobilarbeitenden (16,9 Prozent) und im Unternehmen Arbeitenden (5,6 Prozent) die Beschäftigten, die überwiegend im Homeoffice tätig sind, am häufigsten außerhalb der Arbeitszeit kontaktiert wurden (19,5 Prozent). Insgesamt ein Drittel der Befragten (N = 2.001) geben dabei an, dass sie eine Absprache zur Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit mit dem Arbeitgeber getroffen haben oder aber das Gefühl haben, dass von ihnen erwartet wird, in der Freizeit für die Belange der Arbeit zur Verfügung stehen zu müssen. Im Vergleich zu „Inhouse-Arbeitenden“ und Flex-Arbeitenden geben Telearbeitende am häufigsten (44,2 Prozent) an, eine solche Erreichbarkeitserwartung zu spüren beziehungsweise eine solche Absprache getroffen zu haben.

Dass das Gefühl, erreichbar sein zu müssen, nicht mit der tatsächlichen Einforderung aufseiten des Arbeitgebers übereinstimmen muss, belegt die Studie von Bitkom (2013). So fordern 57 Prozent der befragten Unternehmen (N = 854) nie oder nur in Ausnahmefällen die Erreichbarkeit außerhalb der regulären Arbeitszeit ein, wohingegen nur ein Drittel der Beschäftigten (N = 505) dieser Unternehmen angibt, grundsätzlich nicht oder nur in Ausnahmenfällen für den Arbeitgeber erreichbar zu sein (Bitkom, 2013).

Fazit

Ob und inwiefern sich das Homeoffice positiv oder negativ auf die Life Domain Balance auswirkt, kann schließlich von unterschiedlichen Faktoren abhängen. So zeigt sich in der Literatur, dass sowohl das Vorliegen einer Telearbeitsvereinbarung (Backhaus et al., 2020) als auch ein höherer Telearbeitsumfang sowie eine längere Erfahrung mit Telearbeit das Potenzial für Konflikte zwischen dem Arbeits- und Privatleben reduziert (Allen et al., 2015; Maruyama & Tietze, 2012). Abgesehen vom Telearbeitsumfang und der Telearbeitsvorerfahrung sind die Unternehmenskultur sowie individuelle Personenmerkmale dafür entscheidend, inwiefern positive oder negative Effekte des Arbeitens zu Hause auf die Life Domain Balance überwiegen (Eurofound, 2020b). So benötigen Beschäftigte, die zu Hause arbeiten ein gewisses Maß an Abgrenzungsfähigkeit, um die Bereiche Arbeit und Privatleben eigenständig voneinander zu trennen (Dahlke et al., 2018). Daran anknüpfend konnte bereits belegt werden, dass eine aktive Grenzziehung bezüglich der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien in der Freizeit Konflikte zwischen Arbeit und Privatleben reduziert, wodurch indirekt auch eine emotionale Erschöpfung verringert wird (BARMER, 2018). Damit kommt auch im Hinblick auf die Life Domain Balance den Selbstmanagementkompetenzen, hier im Sinne der Abgrenzungsfähigkeit, eine wichtige Bedeutung zu. Besonders Eltern mit Kindern unter zwölf Jahren erleben die Trennung zwischen Arbeit und Familie häufiger als schwierig im Vergleich zu Eltern mit älteren Kindern (Eurofound, 2020b). Zudem wird in der Studie von Lott (2019) deutlich, dass besonders Frauen von einer Doppelbelastung in Bezug auf die Arbeitsanforderungen und Kinderbetreuung betroffen sind.

So wurde beobachtet, dass im Homeoffice arbeitende Mütter signifikant weniger schlafen als Mütter ohne die Möglichkeit zum Arbeiten im Homeoffice, während bei den Vätern kein signifikanter Unterschied im Schlafverhalten konstatiert wurde. Hier lassen sich auch die oben dargelegten empirischen Erkenntnisse einordnen, die ebenfalls zeigen, dass während der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 besonders Mütter im Homeoffice allgemein und durch „Privatleben – Arbeit“-Konflikte im Spezifischen belastet waren.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben durch das Arbeiten im Homeoffice insbesondere durch die Ressourcen „Zeitsouveränität“ und „Fahrzeitersparnis“ ermöglicht wird. Demzufolge zeigen sich Vorteile in Bezug auf die Kinderbetreuung, aber auch das Erledigen von anderen privaten Angelegenheiten oder das Ausüben von Freizeitaktivitäten während der regulären Arbeitszeit wird als positiv wahrgenommen. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass durch das Arbeiten im Homeoffice auch Konflikte zwischen den Bereichen Arbeit und Privatleben hervorgerufen werden und die Trennung beider Bereiche zur stressinduzierenden Herausforderung wird. Dabei können Stressoren sowohl berufliche Anforderungen sein, die die privaten/familiären Aufgaben und Pläne stören, oder aber private/familiäre Aktivitäten, die die Bewältigung beruflicher Aufgaben behindern. Inwiefern das Arbeiten im Homeoffice zu solchen Konflikten beiträgt, hängt nicht zuletzt nur von äußeren Faktoren wie dem Telearbeitsumfang, sondern auch von persönlichen Faktoren wie der eigenen Abgrenzungsfähigkeit ab.

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