Präventionsoffensive der Bundesregierung: Alter Wein in neuen Schläuchen oder echter Kurswechsel?
Präventionsoffensive der Bundesregierung: Alter Wein in neuen Schläuchen oder echter Kurswechsel?
Dr. Utz Niklas Walter
Alles Wichtige auf einen Blick
- Mit einer Auftaktveranstaltung im BMG ist am 16.07.2026 die Präventionsoffensive gestartet, die an das Präventionsgesetz von 2015 anknüpft und Prävention zu einer tragenden Säule des Gesundheitssystems machen soll.
- Für HR und BGM-Verantwortliche relevant: Der Fokus auf betriebliche Prävention soll sich von „Nice-to-have“ zu strategischer Notwendigkeit verschieben – mit möglichen gesetzlichen Anreizen für Investitionen in BGF und BGM.
- Für Krankenkassen relevant: Erste Akteure fordern bereits konkrete, teils abrechenbare Präventionsleistungen und sonstige Maßnahmen (z. B. Apotheken-Screenings, Präventionsmanager in Pflegeheimen) – ein Feld, in dem Kassen künftig stärker als Förderer und Umsetzungspartner gefragt sein dürften.
Trotz vieler geplanter Einsparungen im Zuge der anstehenden Gesundheitsreform möchte die Bundesregierung ein Thema gezielt ausweiten: die Prävention in verschiedenen Lebenswelten. Mit einer Auftaktveranstaltung im Bundesministerium für Gesundheit startete am 16.07.2026 die Präventionsoffensive. Ziel ist es, Prävention und Gesundheitsförderung zu einer tragenden Säule des Gesundheitssystems zu machen und einen nachhaltigen Mentalitätswandel in Deutschland anzustoßen. Krankheit soll möglichst verhindert werden, bevor sie überhaupt entsteht. Für HR- und BGM-Verantwortliche sowie für Krankenkassen lohnt sich ein genauer Blick: Beide Gruppen könnten von der Offensive direkt betroffen sein – sei es durch neue gesetzliche Rahmenbedingungen für die betriebliche Gesundheitsförderung oder durch eine veränderte Rolle als Förderer von Präventionsleistungen.
Doch wie neu ist dieses Vorhaben? Gab es solche Bemühungen nicht schon früher? Und was soll dieses Mal anders sein? Als IFBG haben wir uns die Ideen der Präventionsoffensive genauer angesehen. Dabei sind uns vier interessante Aspekte aufgefallen, die wir im Folgenden einordnen und bewerten.
Startschuss und weiteres Vorgehen
Startschuss und weiteres
Vorgehen
Die Präventionsoffensive knüpft an das bisherige Präventionsgesetz in Deutschland an und hat zum Ziel, es konsequent weiterzuentwickeln. Sie versteht Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe und setzt auf eine enge Zusammenarbeit von Bund, Ländern, Kommunen, Leistungserbringern sowie weiteren Akteuren aus dem Gesundheitswesen. Ziel ist es, bestehende Maßnahmen besser miteinander zu verzahnen, Präventionsangebote weiterzuentwickeln und Gesundheitsförderung dauerhaft in den Lebenswelten der Menschen zu verankern.
Unsere Bewertung: Das klingt zunächst gut. Nur eine enge, ressortübergreifende Zusammenarbeit von Bund, Ländern, Kommunen, Sozialversicherungsträgern sowie zahlreichen zivilgesellschaftlichen Verbänden kann etwas Flächendeckendes entstehen lassen. Im weiteren Prozess soll mit den beteiligten Akteuren über spezifische Schwerpunkte gesprochen werden, um gezielt Handlungsfelder zu identifizieren – das ist positiv zu bewerten. Die Auftaktveranstaltung am 16. Juli 2026 im Bundesministerium für Gesundheit diente also als politischer Startschuss. In den kommenden Monaten soll in strukturierten Dialogen mit allen relevanten Akteuren (u. a. Vertretern der Pflege, Ärzteschaft, Apotheken und Ernährungsverbänden) über spezifische Schwerpunkte verhandelt werden, um konkrete, gesetzliche Handlungsfelder zu identifizieren und auszuarbeiten. Man darf gespannt sein, welche konkreten Ergebnisse hier erzielt werden und ob es nicht nur bei Absichtserklärungen bleibt.
Die Ziele der Präventionsoffensive
Die Ziele der Präventions-
offensive
Das Präventionsgesetz, das 2015 in seinen wesentlichen Teilen in Kraft getreten ist, hat bereits wichtige Impulse gesetzt. Dennoch ist es bislang nur teilweise gelungen, gemeinsam mit den Ländern und vielen weiteren verantwortungstragenden Einrichtungen die strukturellen Voraussetzungen für Gesundheitsförderung und Prävention in jedem Lebensalter und in allen Lebensbereichen zu schaffen. Die Präventionsoffensive setzt hier an und orientiert sich an fünf übergeordneten Zielen:
- Gesundes Aufwachsen von Kindern – in Lebenswelten, die Gesundheit gezielt fördern.
- Gesundes und produktives Arbeiten – mit einem besseren Zusammenwirken von betrieblicher Gesundheitsförderung und Arbeitsschutz.
- Gesund leben und älter werden – mehr gesunde Lebensjahre und Vermeidung von Pflegebedürftigkeit.
- Höhere Gesundheitskompetenz – durch zugängliche und zielgerichtete Informationen.
- Rahmenbedingungen, die einen gesunden Lebensstil ermöglichen und fördern – mit dem primären Ziel, Volkskrankheiten zu vermeiden.
Unsere Bewertung: Positiv ist, dass die Initiative direkt an das bestehende Präventionsgesetz von 2015 anknüpft und dieses konsequent und zeitgemäß weiterentwickeln soll. Das Leitmotiv lautet: „Gesundheit fördern, bevor Krankheit entsteht“ – weg von der reinen Reparaturmedizin, hin zur proaktiven Vermeidung gesundheitlicher Risiken. Zwei Ansätze bewerten wir besonders positiv, sofern sie auch tatsächlich angegangen werden: Zum einen die Verhinderung von Pflegebedürftigkeit – ein besonderer Schwerpunkt soll darauf liegen, Pflegebedürftigkeit im Alter durch gezielte, frühzeitige Maßnahmen zu verhindern oder zumindest deutlich hinauszuzögern. Zum anderen der Ausbau der Gesundheitskompetenz: Vertreter von Ärzteverbänden wie der Bundesärztekammer (BÄK) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) betonen, dass die Initiative die Chance bietet, die individuelle Gesundheitskompetenz der Bevölkerung deutlich zu stärken. Vor allem hier gibt es noch viel zu tun – sei es durch die Einführung gesundheitsrelevanter Schulfächer für Kinder, in der Ausbildung künftiger Erwerbstätiger oder im Zuge klassischer BGF-Maßnahmen.
Von Präventionsmanagern in der Pflege bis zu Präventions-Hubs
Von Präventionsmanagern in der Pflege bis zu Präventions-Hubs
Die am 16. Juli 2026 gestartete Präventionsoffensive hat aus unserer Sicht schon jetzt eine intensive Debatte zwischen den verschiedenen Akteuren des Gesundheitssystems ausgelöst. Gleichzeitig zeichnen sich dadurch konkrete Veränderungen ab. Hier einige der diskutierten Ansätze:
- Bundesärztekammer (BÄK) & KBV: Die Ärzteschaft fordert eine stärkere Vergütung von Präventionsleistungen in den Praxen. Beratung zu Lebensstil, Ernährung und Bewegung dürfe keine „Sonderleistung“ sein, sondern müsse im Praxisalltag honoriert werden. Zudem fordert sie eine stärkere Verknüpfung von klinischen Daten mit kommunalen Angeboten (z. B. „Rezept für Bewegung“).
- Pflegebranche & Pflegeverbände: Der Fokus liegt auf zwei Punkten: zum einen auf Investitionen in die Prävention für Pflegekräfte selbst, um Berufsausstiegen durch physische und psychische Überlastung entgegenzuwirken; zum anderen auf dem Ausbau von Präventionsmanagern in Pflegeheimen, um die Selbstständigkeit von Pflegebedürftigen systematisch zu trainieren.
- Apothekenverbände: Die Apotheken fordern, als niedrigschwellige Präventions-Hubs anerkannt zu werden. Sie wollen standardisierte Screenings (z. B. für Herz-Kreislauf-Risiken oder Diabetes) direkt in der Apotheke durchführen und abrechnen dürfen, um Menschen zu erreichen, die selten zum Arzt gehen.
Unsere Bewertung: Hier wird es konkreter. Wie einzelne Akteure des Gesundheitssystems tatsächlich mehr Prävention betreiben könnten, ist spannend – sofern sich diese Forderungen so bestätigen. Die Idee niedrigschwelliger Präventions-Hubs ist grundsätzlich interessant, sofern Apotheken daraus nicht in erster Linie ein lukratives Geschäftsmodell machen. Der Ausbau von Präventionsmanagern in Pflegeheimen in Verbindung mit mehr Investitionen in die BGF für Pflegekräfte ist ein zielführender Ansatz – viele Krankenkassen sind hier bereits aktiv und sorgen für spürbar verbesserte Bedingungen in den Einrichtungen. Auch bei der Vergütung von Präventionsleistungen gibt es sicher Handlungsbedarf: Auch wenn man im BGM lieber auf die intrinsische Motivation von Beschäftigten setzt, sind extrinsische Anreize manchmal notwendig. Diese Ansätze bewerten wir daher grundsätzlich positiv. Für Krankenkassen zeichnet sich hier eine wachsende Rolle ab: Ob als Finanzierer von Präventionsmanagern in Pflegeheimen, als Verhandlungspartner bei der Vergütung ärztlicher Präventionsleistungen oder als Kooperationspartner für Apotheken-Screenings – die konkreten Ausgestaltungen dürften auch Verhandlungs- und Förderspielräume der Kassen betreffen.
Auswirkungen auf die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF)
Auswirkungen auf die
Betriebliche Gesundheits-
förderung (BGF)
Für Unternehmen und HR-Abteilungen soll sich der Fokus von „Nice-to-have“-Goodies hin zu strategischer Notwendigkeit verschieben. Die Präventionsoffensive dürfte folgende fünf Entwicklungen vorantreiben:
- Verhältnisprävention: Gesunde Arbeitsplatzgestaltung, Reduktion von digitalem Stress (Change Fatigue) etc.
- Stärkere Krankenkassen-Förderung: Leichtere Zertifizierung und Bezuschussung kombinierter Digital- und Inhouse-Angebote.
- Fokus auf Hochbelastungsberufe (Schichtarbeit, Pflege, Produktion) durch mobile Workplace-Screenings.
- KI-gestützte Mikro-Interventionen: Kurze, personalisierte Impulse direkt im digitalen Workflow (z. B. Teams/Slack).
- Schnittstelle Kommune & Betrieb: Ein Kernanliegen der Offensive ist es, die Lebenswelten zu vernetzen. Für Unternehmen bedeutet das, dass lokale Präventionsnetzwerke (z. B. Sportvereine, kommunale Gesundheitsämter) enger mit den Betrieben kooperieren, um Angebote auch nach Feierabend nahtlos fortzuführen.
Unsere Bewertung: Wenn diese Ansätze wirklich so verfolgt werden, ist das ein guter Anfang. Allerdings hört man seit mehr als 20 Jahren, dass sich BGF-Maßnahmen von „Nice-to-have“-Goodies hin zu bedarfsorientierten Maßnahmen aus Verhältnis- und Verhaltensprävention entwickeln müssen. Wir glauben daher, dass es auch gesetzliche Veränderungen braucht, die Betriebe stärker dazu veranlassen, in BGF und BGM zu investieren. Auch wenn dies dem Ansatz der intrinsischen Motivation entgegensteht: Die Einführung der gesetzlichen Pflicht zur GB-Psych im Jahr 2013 hat viel bewirkt. Vielleicht braucht es auch hier neue Überlegungen seitens der Politik.
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