Aufsuchende Gesundheitsförderung

Die Aufsuchende Gesundheitsförderung als viel versprechender Lösungsansatz für das BGM

Wie erreiche ich vor allem die risikoexponierten Beschäftigten im Zuge der Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF)? Diese Frage beschäftigt Gesundheitsverantwortliche in Unternehmen und Behörden immer wieder. Die aufsuchende Gesundheitsförderung stellt in diesem Kontext einen Lösungsansatz dar, der derzeit intensiv in Forschung und Praxis diskutiert wird. Grundgedanke der aufsuchenden Gesundheitsförderung ist die Integration von Gesundheitsmaßnahmen direkt in den Arbeitsablauf der Beschäftigten. Auf diese Weise fallen – so die Annahme – lokale und zeitliche Barrieren weg und die Teilnahmebereitschaft vor allem der weniger gesundheitsaffinen Beschäftigten steigt.

Soweit die Theorie. Doch wie sieht es tatsächlich in der Praxis aus? Sind aufsuchende Maßnahmen geeignet, um Beschäftigte verstärkt zu einer Teilnahme an Gesundheitsangeboten zu bewegen und damit positive Gesundheitswirkungen zu erzielen?

Meist handelt es sich bei aufsuchenden Gesundheitsmaßnahmen um kurze und niederschwellige Bewegungspausen, die von geschulten Trainerinnen und Trainern direkt am Arbeitsplatz durchgeführt werden. Doch auch Ergonomie-, Entspannung- oder Gesundheitsvorsorgeangebote lassen sich direkt in den Arbeitsalltag von Beschäftigten integrieren. Die Sequenzen richten sich an Beschäftigte aller Tätigkeitsbereiche (Produktion, Verwaltung, Außendienst etc.).

Positive Wirkungen, aber auch Barrieren

Für Brehm und Bös (2006) stellen barrierefreie und niederschwellige Programme eine Chance dar, um krankmachende Verhaltensmuster durch gesundheitsförderliche zu ersetzen. Und auch Bräunig et al. 2015 bewerten solche Programme positiv. Eine der ersten Publikationen zum Thema aufsuchende Gesundheitsförderung wurde bereits im Jahr 1995 von Pronk et al. veröffentlicht, mit der Intention die Wirkung eines zehnminütigen Fitnessprogramms auf die Kraft, Beweglichkeit, Stimmung und den beruflichen Stress von Fabrikmitarbeitenden zu untersuchen.

Die wichtigste Erkenntnis dieser Studie war, dass bei einer täglichen, zehnminütigen Durchführung sowohl Steigerungen der körperlichen Leistungsfähigkeit als auch der psychischen Gesundheit eintreten können. Zudem können Bewegungspausen im beruflichen Alltag einen positiven Einfluss auf Denk- und Lernprozesse haben (vgl. Dennison & Dennison 1990). Ebenfalls zu einem positiven Fazit im Hinblick auf aufsuchende Maßnahmen kommen Yancey et al. (2004), Taylor (2005), Galinsky et al. (2007), Lara et al. (2008) und Macedo et al. (2011), wenngleich sich nicht in allen Studien statistisch bedeutsame Veränderungen der erhobenen Gesundheitsparameter zeigen. Entscheidend sind hier auch die Häufigkeit der Maßnahme, die Auswahl der Trainingsinhalte sowie die Dauer der Intervention. Als Barrieren für aufsuchende Gesundheitsförderungsmaßnahmen sieht Phipps et al. (2010) schlechte Pausenregelungen, mangelnde Unterstützung der Vorgesetzten, hohes Arbeitspensum, fehlende Schließfächer und Duschmöglichkeiten sowie die Atmosphäre in Treppenhäusern.

Vom Gesundheitslotsen bis zum Gesundheitsexpress

Umsetzungsbeispiele für die aufsuchende Gesundheitsförderung aus der Praxis gibt es einige. Als deutschlandweiter Spezialist für aufsuchende Gesundheitsförderungsmaßnahmen hat sich das Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) etabliert, das einen Zusammenschluss von Wissenschaftlern der Universitäten Konstanz, München und Karlsruhe (KIT) darstellt. Zu den aufsuchenden Lösungen des IFBG zählen Konzepte wie der Gesundheitslotse, der Gesundheitsexpress, das Gesundheitsmobil oder die Gesundheitsstreife. Best-Practice-Beispiele mit Betrieben und Behörden sind unter Projekte und Aktuelles beschrieben. Das IFBG begleitet alle Projekte wissenschaftlich, wodurch der Mehrwert für Unternehmen und Beschäftigte sichtbar gemacht werden kann.

Hier finden Sie einen Kurzfilm zum Gesundheitsexpress, der speziell für Gesundheitstage entwickelt worden ist. Mithilfe des Gesundheitsexpresses ist es möglich, einen Gesundheitstag „in die Fläche zu bringen“ und die Beschäftigten in sprichwörtlich jedem Winkel des Unternehmens zu erreichen.

Literatur

Bräunig, D., Haupt, J., Kohstall, T., Kramer, I., Pieper, C. & Schröer, S. (2015). iga.Report 28. Wirksamkeit und Nutzen betrieblicher Prävention. Berlin: iga.

Brehm, W. & Bös, K. (2006): Gesundheitssport: Ein zentrales Element der Prävention und der Gesundheitsförderung. In K. Bös & W. Brehm (Hrsg.), Handbuch Gesundheitssport (S. 9-28). Schorndorf: Hofmann.

Dennison, P.G. / Dennison, G.E. (1990): Brain-Gym. Lehrerhandbuch. Freiburg: VAK.

Fuchs, R. (2003): Sport, Gesundheit und Public Health. Göttingen: Hogrefe.

Galinsky, T. / Swanson, N. / Sauter, S. / Dunkin, R. / Hurrell, J. / Schleifer, L. (2007): Supplementary breaks and stretching exercises for data entry operators: a follow-up field study. American Journal of Industrial Medicine, 50, 519-527.

Lara, A. / Yancey, A.K. / Tapia-Conyer, R. / Flores, Y. / Kuri-Morales, P./ Mistry, R. / Subirats, E. / McCarthy, W.J. (2008): Pausa para tu Salud: reduction of weight and waistlines by integrating exercise breaks into workplace organizational routine. Preventing Chronic Disease, 5(1), 1-9.

Macedo, A.C. / Trindade, C.S. / Brito, A.P. / Dantas, M.S. (2011): On the effects of a workplace fitness program upon pain perception: a case study encompassing office workers in a Portuguese context. Journal of Occupational Rehabilitation, 21, 228–233.

Phipps, E., Madison, N., Pomerantz, S.C., Klein, M.G. (2010): Identifying and assessing interests and concerns of priority populations for work-site programs to promote physical activity. Health Promotion Practice, 11(1), 71-87.

Pronk, S.J. / Pronk, N.P. / Sisco, A. / Ingalls, D.S. / Ochoa, C. (1995): Impact of a daily 10-minute strength and flexibility program in a manufacturing plant. American Journal of Health Promotion, 9(3), 175-178.

Taylor, W. C. (2005): Transforming work breaks to promote health. American Journal of Preventive Medicine, 29(5), 461-465.

Yancey, A.K. / MaCarthy, W.J. / Taylor, W.C. / Merlo, A. / Gewa, C. / Weber, M.D. / Fielding, J.E. (2004): The Los Angeles Lift Off: a sociocultural environmental change intervention to integrate physical activity into the workplace. Preventive Medicine, 38(6), 848-856.