Entgrenzung lässt die Grenzlinie zwischen Privat- und Berufsleben verschwimmen

Christian Fuhrken

Lead
Team Analysen
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Besonders die 30- bis 49-jährigen Beschäftigen erledigen berufliche Dinge außerhalb der Arbeitszeit. Das zeigen Ergebnisse der Beschäftigtenstudie „How’s work“. Dies dürfte u. a. an familiären Verpflichtungen während des Arbeitstages liegen. Ganze 72.7% der Beschäftigten, die in hohem oder sehr hohem Maße berufliche Dinge auch außerhalb der Arbeitszeit erledigen, sehen Handlungsbedarf in vor allem einem Bereich.

Moderne Technologien bringen uns immer näher zusammen, allerdings können sie auch dafür sorgen, dass die Arbeit immer mehr Einzug ins Privatleben hält. Diese Entgrenzung der Lebensbereiche nahm in den letzten Jahren zu. Es gibt wissenschaftliche Befunde, die die Entstehung psychischer Probleme mit Entgrenzung in Verbindung bringen (Menz et al., 2016). Als Folge entstehen außerdem oft Konflikte zwischen Familie und Arbeit (Seiferling, 2020).

Immer mehr Beschäftigte arbeiten auch außerhalb der Arbeitszeit

Beschäftigte aus 43 Organisationen wurden befragt, in welchem Maße sie berufliche Dinge auch außerhalb ihrer Arbeitszeiten erledigen. Gerade einmal 56.5% der insgesamt 586 befragten Beschäftigten sagen, dass sie nur in geringem oder in sehr geringem Maße außerhalb der Arbeitszeit berufliche Aufgaben erledigen. 15.4% der Beschäftigten geben an, dies in hohem oder sehr hohem Maß zu tun. Und 28.2% machen dies zum Teil.

Beschäftigte im mittleren Lebensalter sind besonders betroffen

Zwischen den Altersgruppen sind statistisch bedeutsame Unterschiede zu erkennen (X²(12) = 27.45, p = .007, n = 581). So scheinen die mittleren Altersgruppen der 30- bis 39-Jährigen (20.5%) sowie 40- bis 49-Jährigen (18.4%) tendenziell häufiger in hohem oder sehr hohem Maß außerhalb der Arbeitszeit berufliche Dinge zu erledigen als die bis-29-jährigen (13.3%) und die befragten Beschäftigten über 50 Jahre (8.6%). Überraschend ist, dass sich Beschäftigte mit Führungsverantwortung und Beschäftigte ohne Führungsverantwortung bei dieser Frage und dem Thema Entgrenzung insgesamt nicht sonderlich stark unterscheiden.

Beschäftigte wünschen sich Angebote im Bereich Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf

Personen, die eher berufliche Dinge auch außerhalb ihrer Arbeitszeit erledigen, neigen zudem dazu, trotz Krankheit am Arbeitsplatz zu erscheinen (r = .23, p = .000, n = 574) oder gegen den Rat des Arztes zu arbeiten (r = .27, p = .000, n = 561). Auch besteht eine Korrelation zwischen den quantitativen Anforderungen (r = .39, p = .000, n = 582) – z. B. in Form von schnellem Arbeiten (r = .20, p = .000, n = 585), nicht genügend Zeit zu haben, alle Aufgaben zu erledigen (r = .36, p = .000, n = 584) oder Überstunden (r = .39, p = .000, n = 585) – mit dem Erledigen von beruflichen Dingen außerhalb der Arbeitszeit. 72.7% der Beschäftigten, die in hohem oder sehr hohem Maße berufliche Dinge auch außerhalb der Arbeitszeit erledigen, sehen Handlungsbedarf im Bereich Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf. Dies ist ein deutliches Signal an die Organisationen. Einen besonders ausgeprägten Wunsch, an Zeitmanagement-Angeboten teilzunehmen, haben diese Beschäftigten nicht.

Möchten Sie noch mehr zur Studie „How’s work“ erfahren? Auf LinkedIn teilen wir wöchentlich Clips zu Fakten der Beschäftigtenstudie. Sie haben darüber hinaus die Möglichkeit, hier das Kapitel zum Thema Entgrenzung downzuloaden und hier den Clip mit den wichtigsten Fakten zum Thema anzuschauen.

Quellen:

Menz, W., Pauls, N., & Pangert, B. (2016). Arbeitsbezogene erweiterte Erreichbarkeit: Ursachen, Umgangsstrategien und Bewertung am Beispiel von IT-Beschäftigten. Wirtschaftspsychologie, 2(2016), 55-66.

Seiferling, N. (2020). Arbeitsbezogene erweiterte Erreichbarkeit. In M. A. Wirtz (2020). Lexikon der Psychologie. (19. Auflage). Hogrefe.